Ich. Kann. Nicht. Mehr. Laufen.

Meine Füße tun weh.

Und jetzt regnet es auch noch. Verdammt, verdammt, verdammt! Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich weiß nicht, wo ich hin muss.

Die Bauarbeiter waren zu nichts zu gebrauchen. Außer blöden Sprüchen kam nichts. Diese blöden Idioten. Sagten, geh mal da lang, mit so einem blöden Grinsen. Und ich dumme Kuh, mach das auch noch. Und jetzt regnet es. Ich bin völlig durchnässt. Ich will gar nicht wissen, wie ich aussehe, sicher läuft mir die Schminke übers Gesicht. Ich setz mich jetzt hier hin und heule ein wenig, vielleicht hilft das.

Reiß dich zusammen Charlie, Contenance! Haltung bewahren. Wie damals bei diesem fürchterlichen Springreiten. Alles war schief gelaufen. Hatte zum ersten Mal meine Tage. Am Vorabend bekommen. Alles tat weh. Aber das war natürlich kein Grund nicht zu reiten. Eine von Herwagen ist nie zu krank zum Reiten. Dann hat es geregnet und Blackie war völlig von der Rolle.

Kein Hindernis ohne Probleme. Immer wieder Hindernisfehler. Es war schon bald klar, dass ich ganz hinten landen würde. Das war ja schon Schmach genug. Aber dann hat er verweigert. Ungehorsam heißt das in der Fachsprache. Das Pferd war ungehorsam, die Reiterin hat versagt. So sahen das meine Eltern. Blackie ist einfach nicht mehr weiter und ich hatte keine Kraft mehr.

Bin abgestiegen und mit Blackie vom Parcours gelaufen. Die ultimative Niederlage. Ich habe geheult und Paps hat drei Tage nicht mit mir gesprochen. Ich bin sehr enttäuscht, Charlotte.

Er musste es nicht einmal aussprechen, es war sowieso klar.

Das wird er jetzt auch wieder sein. Was immer gestern vorgefallen ist, Paps wird sehr enttäuscht sein von seiner kleinen Charlotte.

Mutter natürlich auch. Obwohl die vielleicht gar nicht mehr soviel mitbekommt hinter ihren Tabletten. Sie verschwindet ja immer mehr.      Mother´s little helper. Schon lange nicht mehr. Sie könnte gar nicht mehr existieren ohne die Dinger. Sediert sich systematisch. Warum eigentlich, sie hat doch alles? Großes Haus, Geld wie Heu, erfolgreiche Tochter, erfolgreicher Mann. Ich glaube, sie hat einfach kein glückliches Leben. Immer nur Fassade, bis man irgendwann merkt, dahinter ist gar nichts. Gar nichts mehr, muss man sagen. Es gibt Bilder von ihr, da war sie glücklich. Lange vor meiner Geburt, und ich glaube auch, lange bevor sie Paps kennen lernte. Ein Foto von, da war sie mit 17 auf Klassenfahrt. Sie strahlt und sieht so wunderschön aus. Auf späteren Bildern sieht man schon diesen Schatten über ihren Augen: Das Lächeln wird gezwungener. Bis ihr Gesicht irgendwann eine Maske wird. Ob sie es gemerkt hat, wie sie sich verändert? Oder geht das so langsam, dass man es gar nicht wahrnimmt?

Wie man immer weniger von dem macht, was man eigentlich möchte und sich immer mehr den Zwängen auf Auflagen des gewählten Lebens beugt. Und sich einredet, das müsse so sein. Und irgendwann merkt man, dass man gar keine anderen Interessen mehr hat, man tötet sie nach und nach ab und dabei stirbt man selbst hinter der eigenen Fassade weg.

Blüht mir dieses Schicksal vielleicht auch mit Ferdie? Was sind die Anzeichen? Wie kann man das erkennen? Hab ich es vielleicht schon erkannt und bin gestern deshalb weggelaufen? Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht mehr, wer ich bin und wer ich sein will. Ich bin total verwirrt und sitze hier im Regen. Ich bleib jetzt einfach sitzen. Ich steh nicht mehr auf.

Leck mich am Arsch, Welt, mit deinen Erwartungen und Ansprüchen. Ich mach nicht mehr mit.

Macht doch alle, was ihr wollt, aber ohne mich….