Weiter, immer weiter. Zurück in mein behütetes und geordnetes Leben.

Alles dreht sich schon wieder in meinem Kopf. Wann hatte ich jemals soviel ungestörte Zeit, um über mein Leben nachzudenken? Freiheit der Gedanken, ohne jede Ablenkung. Aber ein bisschen fehlt mir WhatsApp, Facebook und Instagram schon.

Klar, auch Mum und Paps. Und Ferdi? Wo ist nur mein IPhone hingekommen? Ein See.

Da werde ich mich jetzt einfach mal ein bischen hinsetzen. Mit meinem Haut-Couture-Brautkleid aus hochwertiger Seide von Valentino aus Paris. Das muss Unsummen gekostet haben.
Direkt ins´s Gras? Scheiß drauf! Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an. Wenn ich zuhause ankomme, taugt der “Fetzen” sowieso nur noch für die Tonne.
Scheiß drauf? Charlotte! Das ziemt sich nicht für eine von Herrwagen. Fühlt sich aber gut an. Einfach mal ungebremst raus mit den Gedanken – gerade mit den negativen. Lauthals heraus: “Scheiß drauf!” Jawohl!

Da sitze ich mal wieder. Meine Füße tun mir weh. Normalerweise fahre ich ja jeden Meter mit meinem geliebten Mini. Und ich muss dringend zur Petiküre. Ein Nagel eingerissen und einer abgebrochen! Ich bin in einer schrecklichen Verfassung!

Ich habe immer nur in unserem Pool gebadet. Noch nie in einem See. Und schon gar nicht in einem so stinkenden. Und das nennt sich Badesee?
Hm, das ist gar nicht der See, sondern mein Kleid was so riecht. Ok, ich auch etwas. Der gute Duft ist verflogen. Chanel war gestern, Charlotte ist heute. Ich habe mich schon lange nicht mehr selbst gerochen. Warum kommt mir jetzt eigentich der Film “Das Parfüm” in den Kopf?
Aber das Kleid geht gar nicht. Vorher hat mir auch noch Hilde drauf gekackt. Wie kann man einem Huhn nur so einen Namen geben. Aber es war süß und ich hatte Spaß.

Wie das wohl ist, in einem See zu baden? Vielleicht gibt es ein Gefühl von Freiheit. Grenzenlos. Anders, als in einem 10×4 Meter großen Schwimmbecken. Ich gehe jetzt erst mal rein, um mich etwas zu waschen. Gut, dass heute kein Badewetter ist und ich alleine hier bin.
Aber mit dem Kleid kann ich da nicht rein. Das muss ich ausziehen. Nackt in der Öffentlichkeit? Ich weiß nicht. Aber muss wohl sein. Runter damit, Charlotte!

Auch das eine neue Erfahrung. Schnell ins Wasser bevor noch jemand kommt.
Saukalt! Der Pool wäre jetzt wärmer. Erst mal den ganzen Dreck abwaschen.

Erstaunlich! Ich habe das Gefühl, dass es nicht nur darum geht. Es fühlt sich eher auch wie ein Abwaschen meines bisherigen kleinbürgerlichen, behüteten und im wesentlichen fremdbestimmten Leben. Weg damit!

Es ist nie zu spät, Neuanfang. Ein starker Song von Clueso.


Und wo ich schon mal bis zur Hüfte im Wasser bin, kann ich auch gleich abtauchen. Abtauchen, in eine bislang nicht gekannte Freiheit.